Institute of Regional Science

Textüberschrift

Frauen, die Körbe auf ihren Köpfen tragen am Strand von BeninJoachim Vogt

Die Vorgeschichte und Gründung des Instituts

Nach dem zweiten Weltkrieg und den vielfach aus der Not der Situation entstandenen Wieder-aufbaumaßnahmen war der Gedanke an eine steuernde räumliche Planung vor allem auf der überörtlichen Ebene sehr in Misskredit gekommen. Zur negativen Konnotation des Planungsbegrif-fes im Westen Europas und insbesondere Deutschlands trug darüber hinaus der Aufbau der sozia-listischen Planwirtschaft im sowjetischen Machtbereich bei. So wurde auch die wissenschaftliche Grundlegung des Faches, die wesentlich durch die theoretischen Arbeiten von August Lösch  entwickelt worden war, nicht systematisch und im universitären Kontext weiter verfolgt. Ganz anders in den USA, in denen unter Führung von Walter Isard als neue Disziplin die „regional sci-ence“ geschaffen wurde und hohe Reputation genoss. Zu Beginn der sechziger Jahre rezipierten einzelne Fachvertreter in Deutschland diese Ideen, teilweise inspiriert durch Gastaufenthalte in den Staaten, teilweise durch die Notwendigkeit, im Rahmen der aufkommenden Regional- und Landesplanung eine fachwissenschaftliche Grundlage zu erarbeiten und in dieser auszubilden. Für erstere mag Rolf Funk, Ordinarius für Volkswirtschaftslehre der Universität Karlsruhe, gelten, als Vertreter der zweiten Gruppe Adolf Bayer, Ordinarius für Städtebau und Entwerfen in Karlsruhe, der im Auftrag der „Planungsgemeinschaft Zentrales Oberrheingebiet“ einen ersten Raumord-nungsplan für dessen Planungsgebiet erstellt hatte.

Eine Schar Kinder posiert für die Kamera in einer Siedlung in Benin.Joachim Vogt

Karlsruhe wurde in diesen Jahren ein Zentrum der mit der räumlichen Planung befassten Wissen-schaften. Spätestens seit 1964 traf sich regelmäßig eine Gruppe von 10 Karlsruher Professoren, um sich Gedanken über ein entsprechendes Fach und ein Ausbildungskonzept zu machen. Sie kamen sehr schnell überein, dass es sich um eine Querschnittsaufgabe handelt, der durch eine organisatorische Lösung entsprochen werden musste, welche themenbezogen die Fakultätsgren-zen überschritt. Die ersten Entwürfe für Curricula und ein solches Institut – als „Zentralinstitut“ bezeichnet – wurden seit Februar 1964 diskutiert. Der Senat nahm dies zustimmend zu Kenntnis und auch die Landesregierung forderte eine entsprechende Ausbildung, insbesondere durch die Technischen Universitäten des Landes. Die damalige Technische Hochschule Karlsruhe sah sich in der besonderen Pflicht, einerseits dadurch, dass die fachliche nahe stehende Wissenschaft vom Städtebau durch Einrichtung des ersten Lehrstuhls in Deutschland und seine Besetzung mit Rein-hard Baumeister 1862, also rund 100 Jahre zuvor, geschaffen worden war und dass alle für ein solches Zentralinstitut erforderlichen Disziplinen in der Hochschule vorhanden und erfolgreich tätig waren. Schließlich waren zu Beginn der sechziger Jahre in verschiedenen Disziplinen Fachvertreter nach Karlsruhe berufen worden, deren fachliche Expertise stark auf dieses Themenfeld hin ausge-richtet war. Es hatte sich langsam die für uns heute selbstverständliche Überzeugung durchge-setzt, dass auch ein liberal organisiertes Gemeinwesen einer lenkenden Planung bedarf, aber dass diese nach anderen Grundsätzen mit anderen Zielen vorgehen musste als die zentralistischen Planungswirtschaften des Ostens.

Daher meldete, wie es damals üblich war, die Friedericiana das neue Forschungs- und Lehrgebiet „Städtebau und Raumordnung“ als gemeinsames Thema der drei beteiligten Fakultäten für Geis-tes- und Sozialwissenschaften, Architektur sowie Bauingenieur und Vermessungswesen dem Deutschen Wissenschaftsrat. Der Baden-Württembergische Landtag forderte von der Landesre-gierung die Schaffung von organisatorischen, finanziellen und personellen Voraussetzungen für eine Forschungs-und Lehraktivität in dem Feld der Raumordnung.2 Die Landesregierung stellte Planstellen zur Ausstattung eines solchen neuen Arbeitsbereiches in Aussicht. Daraufhin gründe-ten 9 Professoren der Technischen Hochschule vor 50 Jahren, am 26. Juli 1966, das Institut für Regionalwissenschaft:

  • Prof. Dipl.-Ing. Adolf Bayer, Ordinarius für Städtebau und Entwerfen
  • Prof. Dr.-Ing. Heinz Draheim, Ordinarius für Geodäsie
  • Prof. Dr. Rolf Funck, Ordinarius für Volkswirtschaftslehre
  • Prof. Dr.-Ing. Gadso Lammers, Ordinarius für Städtebau und Landesplanung
  • Prof. Dr. Adolf Leidlmair, Ordinarius für Geographie
  • Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Leutzbach, Ordinarius für Verkehrswesen
  • Prof. Dr. Hans Linde, Ordinarius für Soziologie
  • Prof. Dipl.-Gartenbauarchitekt Gunnar Martinsson, Extraordinarius für Garten- und Landschaftsgestaltung
  • Prof. Dr.-Ing. Karl Selk, Ordinarius für Wohnungsbau, Siedlungswesen und Entwerfen

Kurz darauf trat auch Prof. Dr.-Ing. Hans Günter Krebs, Ordinarius für Straßenbau, dem Institut bei. Diese 10 Professoren verantworteten gemeinsam die Forschung- und Lehrtätigkeiten. Erster geschäftsführender Direktor wurde der Städtebauer Prof. Gadso Lammers, unterstützt durch seinen Assistenten Dr. Dieter Bökemann, der später als Ordinarius in Wien dem Fach Regionalwis-senschaft wesentliche Impulse vermittelte und 1982 die bis heute wichtigste Theorie der Raum-planung verfasst hat.

Die Begeisterung der Gründerväter – Frauen in Leitungspositionen kamen erst viel später hinzu – für das neue Fach, das Interesse, das ihm und damit ihrer Arbeit auch über die Grenzen der eige-nen Fächer und über die Grenzen der Region hinaus entgegengebracht wurde, führte einerseits zu sehr innovativen organisatorischen Regelungen – fachübergreifende Kooperation statt fachzen-trierter Kirchturmspolitik – sowie andererseits zu einer Reihe von kooperativen Lehrveranstaltun-gen in Konzepten, die auch international Beachtung fanden und dazu führten, dass sich auch die französischen Kollegen, allen voran Prof. Reitel aus Strasbourg, mit einbrachten. So lesen sich die Referentenlisten des Regionalwissenschaftlichen Seminars dieser Jahre wie ein Who-is-who der mitteleuropäischen Raumforschung dieser Zeit, die man als zweite Aufbruchszeit der Raumpla-nung bezeichnen kann, nach der ersten in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Das Institut in Karlsruhe bildete den Knotenpunkt eines sich stetig verdichtenden Netzes der planungsbezoge-nen Raumforschung. Der Elan erfasste immer mehr Forscher und damit Fächer, die Aufgabe der Koordination überstieg schon bald die Möglichkeit eines Leitungsgremiums, das diese Aufgabe nebenamtlich neben der Leitung der eigenen Fachinstitute wahrnahm, insbesondere nach der Wegberufung von Dieter Bökemann nach Wien (1971). Die Schaffung der Stelle eines eigenen Lehrstuhls und eines entsprechenden Apparates waren die folgenden Schritte einer weiteren Etablierung.

Lehrer vor einer Tafel in einem Klassenraum in BeninJoachim Vogt

 

Der Studiengang Regionalwissenschaft

Ganz wesentlich war auch die Schaffung eines eigenen Studienganges 1970, dessen erster Absol-vent am 2.6.1972 den akademischen Titel eines Lizentiaten der Regionalwissenschaft – lic. rer. reg – verliehen bekam. Seitdem sind es 406 Absolventen, seit 2006 mit dem Titel eines Masters, die in aller Welt tätig sind.

Die Grundlagen des Faches sind im internationalen Kontext erarbeitet worden, und die Ausrich-tung des tragenden Instituts in Karlsruhe blieb stets international, so dass auch der Anteil ausländi-scher Studierender und schließlich auch ausländischer Mitarbeiter stetig anstieg. Dass es erheblich mehr ausländische als deutsche Studierende waren, verwundert daher nicht, und es hatte auch eine
zunehmende Ausrichtung auf die Probleme des globalen Südens – damals sprach man von „Ent-wicklungsländern“ – zur Folge. Darin kommt zum Ausdruck, dass der Lehrkörper sich keinem starren Lehrkonzept verpflichtet fühlte, sondern problembezogen arbeitete und auch heute so arbeitet. Die aktuellen Themen der Gesellschaft werden aufgegriffen, sofern sie einen Raumbe-zug haben. So standen seit dem Zusammenbruch des Ostblocks 1989 Themen der Transformation der sozialen und ökonomischen Bedingungen in den Ländern der ehemaligen Zentralverwal-tungswirtschaften im Fokus. Dies ist noch heute so, aber in einer gewandelten Schwerpunktset-zung. Es sind die Folgen der großen post-sozialistischen Transformation, die neuen räumlichen Disparitäten und ihre sozialen Konsequenzen.


Sehr konstant beschäftigte sich die Regionalwissenschaft in den zurückliegenden 50 Jahren mit den Problemen des Globalen Südens, mit den Regionen, die von der öko-nomischen und sozialen Entwicklung abgekoppelt erscheinen, mit der Peripherie der Globalisierung. Denn das scheinbare Zusammenrücken zu einer Weltökonomie mit der Vision einer Weltgesellschaft erweist sich in der regionalen Analyse an vielen Orten schnell als Trugbild. Die Metropolräume mögen einander ähnli-che Prozesse aufweisen, sie sind jedoch zunehmend von den Peripherien der Länder entkoppelt. Die regionalen Disparitäten nehmen zu, in der Folge davon entstehen unterschiedliche Entwick-lungspfade in den Regionen, heterogene Strukturen und auch zunehmende Konflikte. Die Region drängt damit zunehmend an Stelle der Länder als Objekt der Analyse in den Vordergrund, und der Ansatz der Regionalwissenschaft erweist sich immer mehr als hilfreich. Er ist nicht nur die Grund-lage der Analyse regionaler Strukturen und Prozesse, sondern auch der Konzeption von planeri-schen Maßnahmen. Diese müssen nicht nur an die Probleme angepasst sein, sondern vor allem an die sozialen und ökonomischen Bedingungen und Möglichkeiten des Handelns in der betreffenden Region. Die Übertragung von Instrumenten des Nordens auf den Süden hat sich in vielen Fällen als Irrweg erwiesen. Die Regionalwissenschaft fragt heute danach, welches die angemessenen Wege einer regionalen Gesellschaft sind, ihre eigenen Probleme zu lösen. Das heißt keineswegs, diese ihrem eigenen Schicksal zu überlassen, sondern mit lokalen und regionalen Akteuren in einem international ausgerichteten Wissenstransfer gemeinsame Analysen durchzuführen und adaptive Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Menschenansammlung unter den Palmen am Strand von Benin.Joachim Vogt

Dies hat auch dazu geführt, dass gemeinsam mit der Universidad de Concepción in Chile ein inter-nationales bilinguales Master-Programm entworfen und implementiert wurde, in welchem die Hälfte in Deutschland und die Hälfte in Chile absolviert wird. Auch das Themenspektrum hat sich gewandelt. Der Klimawandel und die zunehmende Gefährdung von komplexen Infrastruktursys-temen durch Extremereignisse wie Erdbeben, Orkane oder Hochwasser spielen eine immer be-deutendere Rolle in der Welt, auf die die Regionalwissenschaft mit einem Schwerpunkt der risiko-orientierten Regionalentwicklung in Forschung und Lehre reagiert. Dies zeigt, dass die Aufgaben des Faches nicht weniger, sondern mehr geworden sind.

Das Institut und der Studiengang haben in den zurück liegenden 50 Jahren auch etliche Verände-rungen erfahren, durch neue organisatorische Regelungen und fachliche Aktualisierungen. Die Entwicklung hat sich in der Rückschau als Erfolgsgeschichte erwiesen. Ihr fühlen sich die heutigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie die Studierenden des Instituts, die aus der ganzen Welt kommen, weiterhin verpflichtet.

Prof. Dr. Joachim Vogt

Leiter des Instituts für Regionalwissenschaft

 


1 August Lösch hatte 1940 das von den Zeitgenossen nur wenig beachtete grundlegende Werk „Die räumliche Ordnung der Wirtschaft. Eine Untersuchung über Standort, Wirtschaftsgebiete und internationalen Handel“ herausgebracht. Darin entwickelte er aus zahlreichen Detailarbeiten und Ansätzen verschiedener Disziplinen eine Gesamtdarstellung der Dyna-mik raumökonomischer Prozesse. Das nach dem Kriege und dem frühen Tode von August Lösch in mehreren Neuaufla-gen herausgegebene Werk hat der Regionalwissenschaft wesentliche Impulse gegeben.

2 Vgl. 40. Sitzung des Landtages von Baden-Württemberg am 30.9.1965, Anlage 10