Institut für Regionalwissenschaft

50 Jah­re Insti­tut für Regional­wissen­schaft

Das Insti­tut für Regional­wissen­schaft be­steht seit 1966. Ei­ne Rück­schau nach über 50 Jah­ren ver­bindet sich mit ei­ner Stand­ort­be­stim­mung und ei­nem Blick vo­raus zu künf­ti­gen Heraus­forde­run­gen.

Frauen, die Körbe auf ihren Köpfen tragen am Strand von BeninJoachim Vogt


Die Vor­ge­schich­te und Grün­dung des Insti­tuts

Nach dem zwei­ten Welt­krieg und den viel­fach aus der Not der Situa­tion ent­stan­denen Wie­der­auf­bau­maß­nah­men war der Ge­dan­ke an eine steu­ern­de räum­li­che Pla­nung vor al­lem auf der über­örtlichen Ebe­ne sehr in Miss­kredit ge­kom­men. Zur nega­tiven Konno­ta­tion des Pla­nungs­be­grif­fes im Westen Eu­ro­pas und ins­be­son­de­re Deutschlands trug da­rü­ber hi­naus der Auf­bau der sozia­listi­schen Plan­wirt­schaft im sowjeti­schen Macht­be­reich bei. So wur­de auch die wis­sen­schaft­liche Grund­le­gung des Fach­es, die we­sent­lich durch die theo­reti­schen Ar­bei­ten von August Lösch ent­wickelt wor­den war, nicht syste­ma­tisch und im uni­ver­si­tä­ren Kon­text wei­ter ver­folgt. Ganz an­ders in den USA, in de­nen un­ter Füh­rung von Wal­ter Isard als neue Diszi­plin die „regional science“ ge­schaf­fen wur­de und ho­he Re­puta­tion ge­noss. Zu Be­ginn der sech­ziger Jah­re rezi­pier­ten ein­zel­ne Fach­ver­tre­ter in Deutsch­land die­se Ideen, teil­wei­se inspi­riert durch Gast­auf­ent­halte in den Staaten, teil­weise durch die Not­wendig­keit, im Rah­men der auf­kom­men­den Regional- und Landes­planung ei­ne fach­wissen­schaft­liche Grund­lage zu er­ar­bei­ten und in die­ser aus­zu­bil­den. Für erste­re mag Rolf Funk, Or­di­na­rius für Volks­wirtschafts­lehre der Uni­versi­tät Karlsruhe, gel­ten, als Ver­treter der zwei­ten Grup­pe Adolf Bayer, Or­di­nari­us für Städte­bau und Ent­werfen in Karlsruhe, der im Auf­trag der „Planungs­gemein­schaft Zen­tra­les Ober­rhein­gebiet“ einen ersten Raum­ordnungs­plan für des­sen Pla­nungs­gebiet er­stellt hatte.

Eine Schar Kinder posiert für die Kamera in einer Siedlung in Benin.Joachim Vogt

Karlsruhe wur­de in die­sen Jah­ren ein Zen­trum der mit der räum­li­chen Pla­nung be­fass­ten Wissen­schaften. Spä­testens seit 1964 traf sich regel­mäßig eine Grup­pe von 10 Karlsruher Pro­fes­soren, um sich Ge­dan­ken über ein ent­sprechen­des Fach und ein Aus­bildungs­konzept zu machen. Sie ka­men sehr schnell über­ein, dass es sich um eine Quer­schnitts­auf­gabe handelt, der durch ei­ne orga­nisa­tori­sche Lö­sung ent­spro­chen wer­den muss­te, wel­che the­men­be­zo­gen die Fa­kul­täts­gren­zen über­schritt. Die ersten Ent­würfe für Curricula und ein sol­ches Insti­tut – als „Zen­tral­insti­tut“ be­zeich­net – wur­den seit Fe­bruar 1964 dis­ku­tiert. Der Se­nat nahm dies zu­stim­mend zu Kennt­nis und auch die Lan­des­regie­rung for­derte eine ent­sprechen­de Aus­bil­dung, ins­be­son­dere durch die Tech­ni­schen Uni­versi­täten des Lan­des. Die dama­lige Tech­nische Hoch­schu­le Karlsruhe sah sich in der be­son­deren Pflicht, ei­ner­seits da­durch, dass die fach­liche nahe ste­hen­de Wissen­schaft vom Städte­bau durch Ein­rich­tung des ersten Lehr­stuhls in Deutsch­land und sei­ne Be­set­zung mit Reinhard Baumeister 1862, al­so rund 100 Jah­re zu­vor, ge­schaf­fen wor­den war und dass al­le für ein sol­ches Zen­tral­insti­tut erfor­der­lichen Dis­zi­pli­nen in der Hoch­schu­le vor­han­den und er­folg­reich tä­tig waren. Schließ­lich wa­ren zu Be­ginn der sech­ziger Jahre in ver­schie­de­nen Dis­zi­pli­nen Fach­ver­tre­ter nach Karlsruhe be­ru­fen wor­den, de­ren fach­liche Ex­per­tise stark auf die­ses Themen­feld hin aus­ge­rich­tet war. Es hat­te sich lang­sam die für uns heu­te selbst­ver­ständ­liche Über­zeu­gung durch­ge­setzt, dass auch ein li­be­ral or­ga­ni­sier­tes Ge­mein­we­sen ei­ner len­ken­den Pla­nung be­darf, aber dass die­se nach ande­ren Grund­sätzen mit ande­ren Zie­len vor­gehen musste als die zentra­listi­schen Planungs­wirt­schaf­ten des Ostens.

Da­her mel­dete, wie es da­mals üblich war, die Friedericiana das neue For­schungs- und Lehr­gebiet „Städte­bau und Raum­ord­nung“ als ge­mein­sames The­ma der drei be­tei­lig­ten Fakul­tä­ten für Geistes- und Sozial­wissen­schaf­ten, Archi­tek­tur so­wie Bau­ingenieur und Ver­mes­sungs­we­sen dem Deutschen Wissen­schafts­rat. Der Baden-­Württem­ber­gische Land­tag for­der­te von der Lan­des­re­gie­rung die Schaf­fung von orga­nisa­tori­schen, fi­nan­ziel­len und per­so­nel­len Voraus­set­zun­gen für eine For­schungs- und Lehr­aktivi­tät in dem Feld der Raum­ord­nung. Die Landes­re­gie­rung stel­lte Plan­stel­len zur Aus­stat­tung ei­nes sol­chen neu­en Arbeits­be­rei­ches in Aus­sicht. Da­rauf­hin grün­deten 9 Pro­fes­soren der Tech­ni­schen Hoch­schu­le vor 50 Jah­ren, am 26. Juli 1966, das Insti­tut für Regional­wis­sen­schaft:

 

  • Prof. Dipl.-Ing. Adolf Bayer, Ordi­na­rius für Städte­bau und Ent­wer­fen
  • Prof. Dr.-Ing. Heinz Draheim, Ordi­na­rius für Geo­dä­sie
  • Prof. Dr. Rolf Funck, Ordi­na­rius für Volks­wirt­schafts­lehre
  • Prof. Dr.-Ing. Gadso Lammers, Ordi­na­rius für Städte­bau und Landes­pla­nung
  • Prof. Dr. Adolf Leidlmair, Ordi­na­rius für Geo­gra­phie
  • Prof. Dr.-Ing. Wilhelm Leutzbach, Ordi­na­rius für Ver­kehrs­wesen
  • Prof. Dr. Hans Linde, Or­di­na­rius für So­zio­lo­gie
  • Prof. Dipl.-Gartenbauarchitekt Gunnar Martinsson, Extra­ordi­na­rius für Garten- und Land­schafts­gestal­tung
  • Prof. Dr.-Ing. Karl Selk, Or­di­na­rius für Wohnungs­bau, Sied­lungs­wesen und Ent­wer­fen

 

Kurz da­rauf trat auch Prof. Dr.-Ing. Hans Günter Krebs, Ordi­narius für Stra­ßen­bau, dem Insti­tut bei. Die­se 10 Profes­soren ver­ant­wor­teten ge­mein­sam die For­schung- und Lehr­tätig­keiten. Erster geschäfts­füh­render Direk­tor wur­de der Städte­bauer Prof. Gadso Lammers, un­ter­stützt durch sei­nen Assisten­ten Dr. Dieter Bökemann, der spä­ter als Ordi­na­rius in Wien dem Fach Regional­wissen­schaft we­sent­liche Im­pulse ver­mit­tel­te und 1982 die bis heu­te wich­tigste Theorie der Raum­pla­nung ver­fasst hat.

Die Be­geiste­rung der Grün­der­väter – Frau­en in Lei­tungs­posi­tionen ka­men erst viel spä­ter hin­zu – für das neue Fach, das Inte­resse, das ihm und da­mit ihrer Ar­beit auch über die Gren­zen der eige­nen Fächer und über die Gren­zen der Re­gion hi­naus ent­ge­gen­ge­bracht wur­de, führ­te einer­seits zu sehr inno­va­ti­ven orga­nisa­tori­schen Rege­lungen – fach­über­grei­fende Koopera­tion statt fach­zentrier­ter Kirch­turms­poli­tik – so­wie anderer­seits zu ei­ner Rei­he von koopera­tiven Lehr­ver­anstal­tun­gen in Kon­zepten, die auch inter­natio­nal Beach­tung fan­den und da­zu führ­ten, dass sich auch die fran­zö­si­schen Kolle­gen, al­len vo­ran Prof. Reitel aus Stras­bourg, mit ein­brach­ten. So le­sen sich die Refe­renten­listen des Regional­wissen­schaft­lichen Semi­nars die­ser Jah­re wie ein Who-is-who der mittel­euro­päischen Raum­for­schung die­ser Zeit, die man als zwei­te Auf­bruchs­zeit der Raum­pla­nung be­zeich­nen kann, nach der ersten in den zwan­ziger Jah­ren des 20. Jahr­hun­derts. Das Insti­tut in Karlsruhe bil­dete den Kno­ten­punkt eines sich ste­tig ver­dich­tenden Net­zes der pla­nungs­bezoge­nen Raum­for­schung. Der Elan er­fasste im­mer mehr For­scher und da­mit Fä­cher, die Auf­gabe der Koordi­na­tion über­stieg schon bald die Möglich­keit ei­nes Lei­tungs­gre­miums, das die­se Auf­gabe neben­amt­lich neben der Lei­tung der eige­nen Fach­insti­tute wahr­nahm, ins­beson­dere nach der Weg­beru­fung von Dieter Bökemann nach Wien (1971). Die Schaf­fung der Stel­le ei­nes ei­genen Lehr­stuhls und ei­nes ent­sprechen­den Appa­ra­tes wa­ren die fol­gen­den Schrit­te ei­ner wei­te­ren Etablie­rung.
 

Lehrer vor einer Tafel in einem Klassenraum in BeninJoachim Vogt


Der Stu­dien­gang Regional­wissen­schaft

Ganz wesent­lich war auch die Schaf­fung ei­nes eige­nen Studien­ganges 1970, des­sen erster Absol­vent am 2.6.1972 den akade­mi­schen Ti­tel ei­nes Lizen­tiaten der Regio­nal­wissen­schaft – lic. rer. reg – ver­lie­hen be­kam. Seit­dem sind es 406 Ab­sol­ven­ten, seit 2006 mit dem Ti­tel ei­nes Masters, die in al­ler Welt tä­tig sind.

Die Grund­la­gen des Faches sind im inter­natio­nalen Kon­text er­ar­beitet worden, und die Aus­rich­tung des tra­genden Insti­tuts in Karlsruhe blieb stets inter­natio­nal, so dass auch der An­teil aus­ländi­scher Stu­die­ren­der und schließ­lich auch aus­ländi­scher Mit­arbei­ter ste­tig an­stieg. Dass es erheb­lich mehr auslän­dische als deutsche Stu­die­rende wa­ren, ver­wun­dert da­her nicht, und es hat­te auch ei­ne zu­neh­mende Aus­rich­tung auf die Pro­bleme des glo­balen Südens – da­mals sprach man von „Ent­wick­lungs­län­dern“ – zur Fol­ge. Da­rin kommt zum Aus­druck, dass der Lehr­kör­per sich kei­nem star­ren Lehr­kon­zept ver­pflich­tet fühl­te, son­dern problem­bezo­gen arbei­tete und auch heute so arbei­tet. Die ak­tu­el­len The­men der Ge­sell­schaft wer­den aufge­grif­fen, so­­fern sie einen Raum­be­zug ha­ben. So stan­den seit dem Zu­sam­men­bruch des Ost­blocks 1989 The­men der Trans­for­ma­tion der sozia­len und öko­nomi­schen Be­dingun­gen in den Län­dern der ehe­maligen Zen­tral­verwal­tungs­wirt­schaf­ten im Fo­kus. Dies ist noch heu­te so, aber in ei­ner ge­wandel­ten Schwer­punkt­set­zung. Es sind die Fol­gen der großen post­sozia­listi­schen Trans­forma­tion, die neuen räum­lichen Dis­pari­täten und ih­re sozia­len Konse­quenzen.

Sehr kon­stant be­schäf­tigte sich die Regional­wissen­schaft in den zurück­liegen­den 50 Jahren mit den Proble­men des Glo­ba­len Sü­dens, mit den Regio­nen, die von der öko­nomi­schen und so­zia­len Ent­wick­lung ab­ge­kop­pelt er­schei­nen, mit der Peri­pherie der Globali­sie­rung. Denn das schein­bare Zu­sammen­rücken zu ei­ner Welt­öko­nomie mit der Vision ei­ner Welt­gesell­schaft er­weist sich in der re­gio­na­len Ana­lyse an vie­len Or­ten schnell als Trug­bild. Die Metro­pol­räume mö­gen einan­der ähn­liche Pro­zesse auf­weisen, sie sind je­doch zu­neh­mend von den Peri­pherien der Län­der ent­kop­pelt. Die regio­nalen Dis­pari­täten neh­men zu, in der Fol­ge da­von ent­stehen unter­schied­liche Ent­wick­lungs­pfade in den Regionen, hetero­gene Struk­turen und auch zu­neh­mende Kon­flikte. Die Region drängt damit zuneh­mend an Stel­le der Län­der als Ob­jekt der Analyse in den Vor­der­grund, und der An­satz der Regional­wissen­schaft er­weist sich im­mer mehr als hilf­reich. Er ist nicht nur die Grund­lage der Analyse regio­naler Struk­turen und Pro­zesse, son­dern auch der Kon­zep­tion von pla­neri­schen Maß­nahmen. Die­se müs­sen nicht nur an die Pro­bleme ange­passt sein, son­dern vor allem an die sozia­len und öko­nomi­schen Beding­ungen und Mög­lich­kei­ten des Han­delns in der be­tref­fen­den Region. Die Über­tra­gung von Instru­menten des Nor­dens auf den Sü­den hat sich in vie­len Fäl­len als Irr­weg erwie­sen. Die Regional­wissen­schaft fragt heu­te da­nach, wel­ches die an­ge­messe­nen We­ge ei­ner regio­nalen Gesell­schaft sind, ihre ei­genen Pro­bleme zu lö­sen. Das heißt kei­nes­wegs, die­se ihrem eige­nen Schick­sal zu über­lassen, son­dern mit loka­len und regio­nalen Ak­teu­ren in ei­nem inter­national aus­gerich­teten Wissens­trans­fer gemein­same Ana­ly­sen durch­zu­führen und adap­tive Lö­sungs­vor­schläge zu er­ar­beiten.

 

Menschenansammlung unter den Palmen am Strand von Benin.Joachim Vogt

Dies hat auch da­zu ge­führt, dass ge­mein­sam mit der Universidad de Concepción in Chile ein inter­nationales bilin­guales Master-­Programm ent­wor­fen und imple­men­tiert wur­de, in wel­chem die Hälf­te in Deutschland und die Hälf­te in Chile absol­viert wird. Auch das Themen­spek­trum hat sich ge­wan­delt. Der Klima­wandel und die zu­nehmen­de Gefähr­dung von kom­plexen Infra­struk­tur­syste­men durch Extrem­ereig­nisse wie Erd­beben, Orkane oder Hoch­wasser spie­len eine immer be­deu­ten­de­re Rol­le in der Welt, auf die die Regional­wissen­schaft mit ei­nem Schwer­punkt der ri­siko-orien­tier­ten Regional­ent­wick­lung in For­schung und Leh­re rea­giert. Dies zeigt, dass die Auf­gaben des Faches nicht we­niger, son­dern mehr ge­wor­den sind.

Das Insti­tut und der Stu­dien­gang ha­ben in den zu­rück lie­gen­den 50 Jah­ren auch et­liche Ver­ände­rungen er­fah­ren, durch neue orga­nisa­torische Rege­lungen und fach­liche Aktuali­sie­rungen. Die Ent­wick­lung hat sich in der Rück­schau als Er­folgs­geschichte erwie­sen. Ihr fühlen sich die heu­tigen Mitar­beite­rinnen und Mitar­bei­ter sowie die Stu­die­ren­den des Insti­tuts, die aus der gan­zen Welt kom­men, wei­ter­hin ver­pflich­tet.

 

Prof. Dr. Joachim Vogt
Leiter des Instituts für Regional­wissen­schaft